200km Nacht-Brevet 

Solstizio d`Inverno

am Gardasee (22/12/2018)
 
 
Auf gehts! Die Rennradsaison 2019 steht in den Startlöchern. Ein Blick auf den Randonneurskalender 2019 prophezeit wiedermal atemberaubende Abenteuer mit den unmöglichsten Höhenmetern. Erster herausstechender Termin: 22. Dezember - Arco im Trentino - weihnachtliches 200km überwiegend flaches Nachtbrevet rund um den Gardasee. Rückblickend betrachtet: Der pure Wahnsinn!!
 
 
An und für sich ist eine Gardaseeumrundung mit dem Fahrrad sportlich keine große Herausforderung. Mit 140 Kilometern und etwas weniger als 800 Höhenmetern ist an einem schönen Sommertag so ziemlich jeder Radsportler im Stande Italiens größten Süßwassersee ohne große Probleme zu umrunden. Auch im Winter ist der Gardasee durch sein mildes Klima, der atemberaubenden Landschaft und den tagsüber eisfreien Straßen ein beliebter Trainingsort für viele Radsportler. 
 
 
Beim nächtlichen Winterbrevet "Solstizio", welches in Arco nördlich des Gardasees startet, verhält sich die Sachlage in Punkto Schwierigkeit etwas anders. Die Veranstaltung findet alljährlich pünktlich am ersten Samstag nach der Wintersonnenwende im Dezember statt. Die Jahreszeit, wenn die Tage wieder länger und die Nächte kürzer werden. Gefahren wird das Brevet bei Nacht und bei Temperaturen um +-0° Grad Celsius statt. Das bedeutet man fährt im Winter 200 Kilometer durch die eisige und sprichwörtlich einsame Nacht. Aufgrund der winterlichen Konditionen erhöht sich aus meiner Sicht der Schwierigkeitsgrad um ein Vielfaches. Mir hat das Brevet recht gut gefallen. Die Veranstaltung ist nun von meiner "Irgendwann mal to do list" gestrichen. Ob ich nochmal mitfahren werde und ob ich die Veranstaltung weiterempfehlen kann? Ich weiß es wirklich nicht. Ich weiß nur eines: Wer hier mitfährt, der sollte sich genau überlegen, worauf er sich einlässt und ob er wirklich hart im nehmen ist. Über die Sinnhaftigkeit einer solchen Veranstaltung lässt sich in meinen Augen durchaus streiten. Es gibt zahlreiche Pros und sicher auch ebensoviele Contras. Eines ist sicher klar. In einer Alltagswelt dirigiert von Regeln, Vorschriften und Hektik, werden extreme und grenzwertige, aber relativ ungefährliche Freizeitaktivitäten, wie eben dieses Brevet auch bei der breiten Bevölkerungsmasse immer beliebter. Die wenigen zu bewältigen Höhenmeter tragen sicher auch dazu bei, dass sich Radsportler aller Gewichtsklassen beim Nachtbrevet am Gardasee einschreiben. Die Einschreibungsquoten der letzten Jahre sprechen für sich. 
 
 
 

Eindrücke

 
 
 
 
22/12/2018..... Samstag... 8 Uhr am Abend. In der Touristen- und Kletterhochburg Arco herrscht reges weihnachtliches Treiben. Alle Geschäfte sind zu dieser Stunde noch geöffnet. Und eines fällt sofort auf. An jeder Ecke findet man einen Sportladen mit Kletterausrüstung. Im Stadtzentrum auf dem Kirchplatz, dem Startpunkt des Brevets, befindet sich auch der gut besuchte Weihnachtsmarkt. Kurz nach der Einschreibung und der Abholung der Stempelkarten trifft man sich im nahegelegendem Restaurant. Die Gepflogenheiten hier sind anders als ich sie von den Randonnees in den Bergen bei mir zu Hause gewohnt bin. Wenige Minuten vor dem Start gibt es hier doch tatsächlich noch Kandidaten die reich belegte tellergroße Pizzas und Biere bestellen. Sowas hab ich bisher echt noch nicht gesehen. Dann gegen 20.30 Uhr geht es endlich los. An die 300 Randonneure und Radsportbegeisterte stehen an der Startlinie. Der Start verläuft in Gruppen zu 30-40  Fahrern.
 
 
Vom Brevet selbst gibt es nicht viel zu erzählen. Anfangs wird wie immer auf Teufel komm raus losgefahren. Die wilde Fahrt auf den dunklen und abenteuerlichen teilweise eisigen und rutschigen Straßen macht nicht wirklich Spaß. Relativ bald nach 60km beschließe ich Tempo rauszunehmen. Schließlich ist es Winter und ich weiß aus Erfahrung, dass vom Schweiß durchnässte Kleider bei diesen Temperaturen um den Gefrierpunkt nach wenigen Stunden zur Qual werden können, sollte man beginnen auszukühlen. Viel gibt es nachts außerhalb der Ortschaften nicht zu sehen. Entlang der Route durch die vielen entlosen Tunnels des Gardasees fühlt man sich einsam und verlassen, aber Innerorts lassen die vielen Lichter der kreativen Weihnachtsbeläuchtungen die Nacht zum Tag werden. Es ist echt "arschkalt". Bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt beginnt die Angelegenheit mit fortschreitendem Kilometerstand immer weniger Spaß zu machen. Nach knapp 100 Kilometern steht der zweite und vorletzte Kontrollpunkt beim Mc Donalds in Peschiera del Garda an. Ab hier geht es praktisch non stop weitere Hundert Kilometer durch die eisige und finstere Nacht ins Ziel. Ab hier gibt es bis ins Ziel auch keine Möglichkeit mehr irgendwo einzukehren, weil alles geschlossen ist. Masorchisten kommen bei diesem Event voll auf ihre Kosten.
 
 
Ich bin echt froh, dass ich wiedermal viel zu viel an Kleidung und Ausrüstung mitgenommen habe. Zu gut eingepackt genieße ich die Fahrt durch die eisige Kälte. (Protokoll zur Ausrüstung siehe unten) Während der Fahrt begegne ich Teilnehmern, bei denen es mir kalt den Rücken runterläuft, wenn ich sehe was sie bei Minusgraden am Körper tragen. Ich sehe zahlreiche Radfahrer, denen die Finger frösteln. Da gibt es auch welche, die mit nichts als knöchelfreien Beinlingen und Sommerschuhen den Minustemperaturen trotzen. Ich bin wie eine Zwiebel mit über drei Schichten eingepackt. Innerlich leide ich mit jenen hirnlosen Seelen, die sich nach Mitternacht bei Minus zwei Grad aufgrund ihrer knappen Kleidung die Strecke entlang frieren und quälen. 
 
 
Gegen 5 Uhr am Morgen erreichen wir auf gefrorenen, aber mit reichlich Salz bestreuten Straßen  das Ziel in Arco. Nach einer relativ unspektakulären 200km finsteren und kalten Flachetappe hole ich mir im Ziel meine Zertifizierung ab. Im Ziel weiß ich nicht recht wie ich mich fühlen soll. Das Brevet war anstrengend genug, um leicht müde zu sein und in meinen Augen wenig spektakulär genug um ein großes Ding daraus zu machen. Vermutlich stelle ich auch nur wiedermal zu hohe Ansprüche. Im großen und ganzen würde ich zusammenfassend sagen: Hat mir gefallen. War ok. Würde ich mir aus heutiger Sicht nicht nochmal antun. Danke. 
 
Das Brevet bewerte ich als absolut unspektakulär, weil man absolut nichts von der atemberaubenden Landschaft mitbekommt, was wirklich ein Jammer ist. Aus meiner Sicht sollte das Brevet am späten Nachmittag, wenn noch Tageslicht herrscht, starten.  Auf diese Weise könnte man auch einen Eindruck von der wunderbaren Landschaft und Vegetation bekommen, welche man vor allem die ersten 50 Kilometer durchfährt. Ich behaupte, das Winterbrevet Solstizio in Arco, ist für Exoten und Verrückte geeignet. Genießer, Neulinge oder Landschaftserforscher kommen hier nicht auf ihre Kosten. Ich gebe zwei von fünf Sternen. Das Brevet ist organisiert, wie ich es von den Brevets im deutschsprachigen Raum kenne. Wenig bis gar nicht, ganz nach dem Motto: Selbst ist der Mann. Mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass wir hier Temperaturen im Extrembereich haben. 

Ausrüstung-Technik-Statistik

  • Technik

     

    Neueste Technik hin oder her. Es gilt der Grundsatz: Einfach, unkompliziert und handlich muß es sein. Alles andere ist verbesserungswürdig. Und es ist nie einfach und handlich genug!

     

    Mantel: 25mm mit 7bar - conti4seasons ok

    Beleuchtung: Nabendynamo - mit S.N. E3 Scheinwerfer vorn und hinten ok

    Gps: Garmin Etrex30 - G-Spot(Test der Batterien bei Kälte) ok

    Taschen: Apidura Satteltasche/klein ok - Topeak Rahmentasche wasserdicht klein (umständlich beim Stehen, zu verbessern

     

  • Kleidung

     

    Ich hatte echt keine Ahnung, was mitnehmen und beschloss mich wie immer..... im Zweifelsfall das volle Programm einzupacken...... Im nachhinein brauchte ich dann doch fast alles .

     

    Zu viel Material:

    1. 1 mal Winterschuhe
    2. 1 lange Winterhose
    3. 1 Mütze
    4. 1 Leuchtweste
    5. 1 Überschuhe
    6. 2 wasserdichte Kleidungssäcke für verschwitzte u. saubere Kleidung
    7. 1 Luftpumpe
    8. 1 Luftkammer
    9. 1 Traubenzucker 1 Guaranabonbons
    10. 1 Gps + Radcomputer + Geldtasche
    11. 2 Termische Leibchen
    12. 2 Windstopper Jacken
    13. 1 Winterregenjacke 
    14. 1 Gilet
    15. 2 Paar Handschuhe
    16. 1 Paar Socken Reserve
    Gesamtgewicht: 2,3kg ---- mehr als akzeptables Zusatzgewicht bei einer Flachetappe.
     

     

  • Zeitmessung - Kardio - Watt und Co

     

     

    Die Entscheidung das Brevet als in eine Ausdauertrainingsfahrt zu nutzen, stellte sich im nachhinein als richtige Entscheidung heraus.

     

     

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