Valtellina Extreme 2014

 

Es gibt manche Momente, die nicht einfach spurlos vorübergehen. Diese Momente bleiben in Erinnerung und hinterlassen Spuren. Die Valtellina Extreme war eines dieser Momente.

Strecke und Aufbau
9 Gebirgspässe auf 454km und 12.118 Höhenmeter. Der Kurs ist auf 4 Rundkursen so aufgebaut, dass die Stadt Bormio Start und Ziel jeder einzelnen Runde darstellt und prakisch im Zentrum steht. Alle ca 100km kommt man wieder nach Bormio zur Kontrollstelle. Bei jeder Runde sind 2-3 Pässe zu absolvieren, um anschließend wieder zur Stempelung zurückzukehren. Am Sportplatz von Bormio wurde eine Verpflegungsstation mit eventueller Schlaf- Dusch- und Essensmöglichkeit eingerichtet. An Verpflegung mangelte es nicht und das Organisationskomitee war bestens organisiert. 
Protokoll:
Die 2 stündige Anfahrtszeit von Meran um 3 Uhr morgens über das Stilfser Joch, ließ bereits erahnen was mich in der kommenden Nacht auf dem Rad erwarten würde: Kälte, Nässe und gefährlicher Straßenbelag. Als ich um 5Uhr in Bormio ankam, war bereits das ganze Feld gestartet. Deutsche Pünktlichkeit hatte ich in Bormio am wenigsten erwartet. Aber das war ok so. Ich wusste, dass ich es nicht eilig hatte. Nicht heute. Nach einem kurzen Plausch mit dem Veranstalter holte ich mir mein Stempelkärtchen und machte ich mich gegen 6.30 Uhr auf dem Weg. Die ersten 30km waren eine erfrischende Abfahrt entlang der alten Landstraße Richtung Grosio. Dann gings das erste mal hoch zum Mortirolo Pass. 20km mit bis zu 18% steilen Rampen. 
Nach der  angsteinflößenden Abfahrt vom Mortirolopass auf der Rückseite nach Monno, gings in den zweiten Anstieg zum Gaviapass. Der monumentale Gavia mit seinen Spitzen um die 14 % belohnte am Gipfel die Mühen fürs hochtreten. 
Nach der Abfahrt zurück Richtung Bormio, gings sofort weiter in die 2 Runde, den Stilfer Joch hoch und über den Umbrailpass nach Glurns. Am Pass spielte der Wettergott mit seinen Launen. Eben schien noch die Sonne und wenige Minuten später hagelte es maiskorn große Hagelkörner. In Prad angekommen stand der Anstieg zum Stilfser Joch an. Obwohl erst 100km in den Beinen, hatten wir schon 3200 Höhenmeter hinter uns. Es fehlten noch gute 300km und 9000 Meter. Die 30km hoch zum Stilfser Joch ließen die Beine schwer werden. Am späten Nachmittag ereichte ich das Stilfser Joch und nach Stempelung am Kontrollpunkt trödelte ich nicht lange und fuhr sofort in die Abfahrt. Gegen 17.00 Uhr war Bormio erreicht. Die ersten 200km waren geschafft. Nach einem Teller Nudel ging es gegen 18.00 Uhr  in die 3 Runde. 
 
Die gefürchtete 3 Runde stand bevor.  Eine Etappe bei Nacht über drei Hochgebirgspässe ohne Schlaf und mit bereits 200km in den Beinen. Dieser Abschnitt machte mir bereits seit Monaten sorgen.  Ich wusste, hier würde sich entscheiden, ob ich diese Randonnee zu Ende fahre oder nicht. Zögerlich startete ich also wieder von Bormio. Richtung Tirano ging es 40 km leicht bergab. Dort angekommen, und nach einem 5 minütigen kurzen Stopp bei einer Kirche, um mir schnell göttlichen Segen zu holen, ging es über die italienische Grenze in die unendliche Steigung des Berninapasses in der Schweiz.
 Jetzt war es soweit. Ein nicht enden wollender Anstieg über ca 40km bis zur Forcola de Livigno (2300m) und eine steile Abfahrt nach Livigno stand bevor. Nur auf diesen 40km waren bereits 2000Höhenmeter zu meistern. Zaghaft tastete ich mich die ersten Kilometer mit 11% Steigung empor. Der Magen bereitete Probleme, ich hatte in der Pause zuviel gegessen. Mit der Müdigkeit senkte sich die Laune, die Beine wurden schwerer,.......die Dunkelheit und die absteigenden Temperaturen machten es nicht einfach....... Und er war da, der erste richtige Einbruch. Gegen 24.00 Uhr musste ich kurz vom Rad und ein par Minuten die Augen schließen.
 Ein vorbeifahrendes Kontrollauto der Streckenorganisation, dass mich am Straßenrand sitzend vorfand, bot mir an mich einzusammeln und nach Bormio zu mitzunehmen. Als ich die Worte des Kontrolleurs hörte, schoß es mir wie ein Weckruf durch den ganzen Körper: "Nein danke! Aufgeben ist nicht drin!" Der Kontrolleur meinte er hätte noch jemand im Auto, der nicht weiterkonnte. Es wäre ok, wenn ich mitkommen würde. Nach dem ich abermals verneinte und wieder auf das Rad stieg, kehrte er zum Auto zurück und fuhr grüßend und glückwünschend weiter. Alle 5km stand er dann am Straßenrand und feuerte mich und weitere Radfahrer an, die mich eingeholt hatten. Die Nacht war kalt. 5 Grad und unsauberer Straßenbelag machten die erste Abfahrt nach Livigno schwer.
Gegen 3 Uhr in Livigno angekommen, standen noch 2 kleine Pässe bevor. Passo Eira und Foscagno. Nichts spektakuläres abgesehen von holpriger Straße, Kälte und Wind. Als ich am Passo Foscagno angekommen war, vermutete ich, dass das schlimmste in dieser schlaflosen Nacht überstanden sei. Es standen schließlich nur mehr 30 km finsterer Abfahrt bevor. Mittlerweile war die Kälte eine  willkommene Hilfe um wach zu bleiben geworden. Doch kaum waren die ersten Kilometer der finsteren Abfahrt bewältigt, öffnete der Himmel seine Schleußen und ein fürchterlicher Regen setzte ein. Es regnete so stark, dass ich mit meiner Lampe kaum 3 Meter sehen konnte. Als ich aufgrund der schlechten Sicht mit 20 km/h die Abfahrt hinunter tuckerte, dankte ich Gott für meine Ausrüstung. Erst im Sommer hatte ich ein Vermögen für Schuhe, Regenhose und Jacke mit Kapuze ausgegeben. Die Kleidung hielt absolut warm und trocken. Auch meine Neoprentaucherhandschuhe erwießen sich als würdig. Die Schuhe waren angenehm warm und trocken. Heute bin ich überzeugt, dass ich ohne dieses Material diese Wetterbedingungen niemals heil überstanden hätte. Um halb 5 kam ich endlich in Bormio an. Ich war völlig erschöpft und am Boden, aber trocken und warm, im Gegensatz zu anderen Teilnehmern, wie ich beobachten konnte. 350km waren nun geschafft und nach einem kleinen Frühstück sammelte ich meine letzten Reservern und startete um 6 Uhr ohne Schlaf in die letzte Runde. Andere zogen es vor noch etwas zu warten, bis der Regen aufhörte. Ich jedoch bevorzugte es mich nicht vom Wetter abhängig zu machen, besonders nicht mehr nach der vergangenen Nacht, in der es wie verrückt regnete und ich das Massaker ohne Schäden überstanden hatte. Das gab mir Mut. Außerdem fehlten nur mehr 2 Pässe und 110km. 
Die vierte und letzte Runde stand nun an. Wieder bei Tageslicht und seit über 24 Stunden wach strampelte ich Richtung Gaviapass. Die Beine waren schwer und die Moral zwischenzeitlich total am Boden. Das ständige Wechseln von Regen, Nebel, und teilweise sogar leichtem Schneefall machten den Anstieg zu einem unvergesslichen Erlebnis. Als der Gavia erreicht war wusste ich, jetzt war es geschaft. Stand nur noch die Abfahrt nach Ponte di Legno und der Mortirolo bevor.
Die Abfahrt vom Gavia und die unendliche Anfahrt zum Mortirolo bei strömenden Regen, waren nicht mehr im Stande meine Stimmung zu kippen. Als ich endlich am Fuße des Mortirolo angekommen war, wollte ich zuerst direkt hochfahren. Aber ich nahm mir dann doch einen Moment Zeit, meine letzten Riegel und Energiegels zu essen. Ich packte meine Regenkleidung ein und machte eine letztes Mal Pause für einige Minuten. 
 
Nach einer viertel Stunde Pause startete ich dann die letzten 10km bei 18% den Mortirolo Pass hoch. Ich hatte nur mehr das Ziel vor Augen. Mittlerweile schmerzten Arme und Beine. Auch die Bauchmuskeln und die Hüftmuskulatur schmerzte bei jedem Tritt. Aber jetzt hielt ich nicht mehr an. Oben am Mortirolopass angekommen, schüttete es wieder aus allen Kübeln. Die Abfahrt bei 18% und diesem Sauwetter waren ein Kraftakt sondergleichen für meine Handgelenke. Aber ich dachte nur mehr an Bormio........und so fuhr ich die letzten 40km nach dem Mortirolo bei Regen in Richtung Bormio meiner ersten +400km Randonnee entgegen. 2 Kilometer vor dem Ziel kam aus heiterem Himmerl die Sonne zum Vorschein und der Regen beendete sein Treiben. Ich zog die Regenklaidung aus um die letzten Kilometer zu genießen. Ich wußte nicht recht, ob ich weinen oder lachen sollte. Im Ziel angekommen, gab es eine herzliche Umarmung des Organisators, der sich über jeden Ankömmling der 454km Strecke besonders freute. 
Die Arbeit der letzten Monate hat sich gelohnt. Ich habe es geschafft. Die Valtellina Extreme 2014 ist mein. 454km....12118Hm. Diese Randonnee hat in mir bleibende Eindrücke hinterlassen. Der wilde Kampf mit den erbarmungslosen Naturkräften, die eindrucksvolle Landschaft und die perfekte Organisation haben mich besonders beeindruckt und ich würde sagen auch etwas geprägt. 
 
Mein erster kleiner Grundstein Richtung Langstreckenveranstaltungen ist gelegt. Es werden noch viele Steinchen folgen, und irgendwann, wer weiß, in einigen Jahren, ist vielleicht das Fundament für die ganz großen Veranstaltungen  gelegt. Vorerst heißt es aber auf dem Teppich bleiben und im Kleinen arbeiten und feilen. Denn bekanntlich, kommt von nichts auch nix.

 

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