Paris - Brest - Paris 2015

Seit 2 Jahren warte ich nun. Jetzt endlich nach den endlosen Vorbereitungen und Qualifikationen ist er gekommen, der Moment. Der Moment, wo ich alles hinter mir lasse und eine weitere Stufe meiner Radlaufbahn erklimme. Vom 16. bis zum 20. August 2015 fand die historische Langstreckenrandonnee Paris - Brest - Paris statt. Für mich war meine erste Teilnahme ein voller Erfolg. 1200 km mit Start in Paris, quer durch Frankreich gehts nach Brest am Atlantischen Ozean und wieder zurück. 

Die seit Jahren kaum veränderte Strecke

 

Aklimatisierung:

Paris. Künstlerstadt, Kulturstadt, Weltstadt und alle vier Jahre Austragungsort der Radveranstaltung Paris - Brest - Paris. Wir sind zu zweit gestartet. Wiedermal, Vater und Sohn. Die restlichen 5 Weggenossen vom Radclub sollten wir noch später in Paris treffen. Um sicher zu gehen, dass wir augeruht in Paris an den Start gehen würden, starten wir einige Tager früher und nutzen die Zeit um Paris zu erforschen.

Paris macht Eindruck. Ein hoher Lebensstandard und eine weit aufgerissene Schere zwischen Armut und Reichtum sind deutlich sichtbar. Die allen bekannten kulturellen und geschichtlichen Sehenswürdigkeiten machen Paris zu einem tollen Erlebnis. Aber es ist nicht nur alles Gold, das glänzt.  In den hinteren Straßen von Paris bekommt man fernab vom romantischen Flair und dem schicki micki Bild das in den Medien übermittelt wird die Realität und Unbarmherzigkeit des globalisierten Großstadtdschungels zu spüren.  Paris, ein Ort wo ich nicht um jeden Preis leben möchte.
 
Nach 2tägiger Erfoschung von Paris und seinen Menshen, gehts dann auch langsam in die Vorbereitungen für die Randonnee. Das Abenteuer beginnt.
 
 
Protokoll:
Als erstes gehts am Tag vor dem Massenstart zur Radkontrolle. Das Rad wird von einer Jury strengstens auf Fahrtüchtigkeit kontrolliert. Es müssen schließlich 1200km non stop absolviert werden. Ohne Licht oder fachgerechter Montage der Fahrradtaschen gibt es keine Starterlaubnis. Bei der Sicherheit wird nicht gescherzt. Bereits um 9 Uhr am Morgen ist die Warteschlange am Bikecheck unendlich. Bei 7.000 Teilnehmer ist Geduld angesagt.
 
Nach der Fahrradkontrolle gehts ins Velodrome von St Quentin nahe Paris. Hier kann das Startpaket und allerlei Gadgets abgeholt werden. 
 
Für jene, welche die Qualifikationen komplett überstanden haben gibt es eine kleine Medaile bereits im voraus.
Am Starttag noch einige Fotos mit Kollegen. 
Dann am Nachmittag gehts langsam los. In kleinen Gruppen zu 100-200 Teilnehmern starten 7000 Teilnehmer. Wir sind zu siebt vom Athletic Club Meran unter 300 italienischen Teilnehmern. Am Start überkommen mich dann doch so einige Emozionen. Ich erinnere mich zurück an die vielen Anstrengungen die nötig waren, um hier her zu kommen. Das ganze Training und der Aufwand haben mich hier hergebracht. Nun rolle ich über die Startlinie. Gänsehaut verfolgt mich die ersten Kilometer. Wie oft habe ich zu den unmöglichsten Zeiten trainiert, um die bevorstehenden Anstrengungen von 1200km zu simulieren. All die harte Arbeit hat sich nun doch ausgezahlt. Jemand hat mir gesagt, alles fange hier an. Hier in Paris - Brest- Paris startet die unendliche Reise der Langstreckenveranstaltungen. Ich starte heute und ich starte nicht allein. 
Als meine Gruppe um 18 Uhr am Abend startet und das Feld über die Startlinie rollt, applaudieren tausende Menschen an den Straßenrändern. Teilweise gleicht die Straße einer engen Gasse, wie man sie von Fernsehausschnitten der Tour de France kennt. Alle klatschen sie Beifall und jubeln den Helden von Paris - Brest- Paris zu. Manche Fahrer werden über 90 Stunden unterwegs sein. Manche werden in 47 Stunden bereits wieder zurück sein. Ein Ritt durch Nacht und Wind, durch Kälte und Hitze. Über die unendlichen Ebenen und Hügellandschaften der Bretagne. Einige werden fallen. Es wird nicht leicht. Die Müdigkeit und der Schlafentzug bei Nacht wird so manchen in die Knie zwingen. 1200 km non stop in gemütlichem aber zügigem Tempo mit 4 oder 5 Stunden Schlaf in der zweiten und dritten Nacht. So lautete unsere Devise. Nach den ersten 100 Kilometern fühle ich, wie Abenteuerluft aufkommt. Wir ereichen die unendlichen Ebenen. Es geht durch weite Getreidefelder und über kilometerlange Hügel. Hügel, die keine Hügel sind. Kilometerlange Ebenen mit leichter Steigung.
 
 
Wir erreichen eine kleine Gruppe bekannter italienischer Genossen und gemeinsam gehts die ersten 2-300 km dahin. 
Und langsam gehts in die erste Nacht. Es gibt keine Pause. Der Plan ist die erste Nacht zügig durchzufahren. Später erweist sich diese Taktik noch als kluge Wahl. 
Die Nacht ist ohne Schäden und größere Pausen überstanden. Der zweite Tag stellt sich mit Gegenwind, Hitze und unendlichen Ebenen vor. Mein Alptraum!!! Mittlerweile fahren wir seit 24Stunden.
Am späten Nachmittag werden die Augen schwer. Während der Fahrt beginnen sie dann zuzufallen. Wie von selbst und ohne zutun. Erste Müdigkeitserscheinungen machen sich deutlich bemerkbar. Der Gegenwind machts nicht einfach. Aus Sicherheitsgründen beschließen wir doch eine halbe Stunde zu schlafen. Powernaps nennen es die Gelehrten. Nach einem sogenannten Rasterle in der Pampa gehts dann wieder weiter.
Die halbstündige Schlafpause bringt wieder neue Kräfte mit sich und es geht weiter. 

 
 Es ist Montag Abend. Die zweite Nacht ist in vollem Gange. An einem der Kontrollpunkte irgendwann nach Mitternacht sind wir im Vergleich zu anderen Radlern noch erstaunlich fitt. Sicherheitshalber legen wir auf mein drängen hin aber doch eine anständige Essens- und Schlafpause ein.
 
 In der Turnhalle einer Schule bekommen wir einen Schlafplatz mit Weckdienst um 4 Uhr morgens.
Der dritte Tag bricht an. Nach knabb 30 Stunden sind wir bereits auf Halbweg. Wiedermal sind wir viel zu schnell unterwegs für meinen Geschmack. Was solls es könnte schlimmer sein. Der dritte Talg beginnt nebelig. Dichter Nebel behindert die Sicht in den frühen Morgenstunden, so dass wir sprichwörtlich ins Leere fahren. Die Atmosphäre ist atemberaubend, märchenhaft. Ich fühle den Duft der Freiheit in meinen Lungen. Alles reduziert sich auf das Existenzielle. Atmen um zu leben. Leben um zu sein. 
Um 9 Uhr am Morgen dann ist der Halbwegpunkt bei Brest erreicht . 600km sind geschafft. 
Nach einer kleinen Pause gehts wieder retour. Weitere 600km in ungefähr 30 Stunden zurück ins Ziel nach Paris. Auch die Beschilderung ändert sich jetzt. Der Weg von Paris nach Brest ist mit rosaroten Pfeilen komplett ausgeschildert. Auf dem Rückweg sind die Pfeile blau. GPS ist hier nicht notwendig.  
Auf dem Rückweg wird die Geschwindigkeit wieder etwas erhöht. Der letzte Sonnenuntergang schenkt neue Kräfte und Energie aus dem nichts.
Auf dem Rückweg entsteht eine lustige bunt gemischte Truppe. Ein Neuseeländer und ein ulkiger Franzose leisten uns Gesellschaft. Später kommen ein Japaner und ein Ukrainer noch hinzu. Alle scheinen noch Reserven zu haben und so bilden wir einen Zug. Mit 40km/h rasen wir wie wild die unendlichen Ebenen Paris entgegen . . 
Von Erschöpfung keine Spur. Es wird munter Getratscht. 
Am Abend erreichen wir das Ziel. Mission erfüllt. Paris - Brest - Paris, eine Reise 1200km quer durch Frankreich in unter 75 Stunden. Im Ziel angekommen gehen dann schon leicht die Emotionen mit mir durch.
Paris - Brest - Paris, eine atemberaubende Veranstaltung. Die Strecke bietet viel Abwechslung und ist gut organisiert. Auch wenn das Streckenprofil absolut nicht auf meine Klettereigenschaften zugeschnitten ist, so hat mir die Veranstaltung besonders gut gefallen. Es war ein Erlebnis, das ich unbedingt wiederholen möchte. Die Tausenden von freiwilligen Helfern und Zuschauer an den Straßenrändern ließen Paris-Brest-Paris zu einem unvergesslichem Abenteuer werden. Das Geheimnis dieser Veranstaltung ist aus meiner Sicht, dass hier aufgrund der Länge, durchaus Extremsport geboten wird, aber mit einer gewissen Machbarkeitsgarantie. Mit Kontrollstellen und Versorgungsstationen alle 80-100 km ist die Machbarkeit innerhalb der Maximalzeit von 90 Stunden für einer halbwegs trainierten Person  hier sicherlich gegeben.
Was meine persönlichen Leistungen betrifft, so kann ich sagen, dass ich zufrieden bin. Für das erste Mal nicht schlecht. Auf jeden Fall gibt es noch einige Dinge, an denen ich arbeiten möchte. Das Gepäck stellt sich letzthin immer wieder als größte Baustelle ohne Ende heraus. Hier will ich nächstes Jahr eine akzeptable Lösung finden. Es kann nicht sein, dass ich mich jedes mal aufgrund von Übergewicht beim Gepäck zu Tode schinte. Je länger oder schwieriger die Strecken werden, desdo komplizierter wird für mich die Auswahl beim Gepäck. Beobachtung von anderen Sportlern im Randonneebereich oder bei autonomen Langstreckenrennen läßt eines klar sichtbar werden. Kaum jemand lässt sich wirklich in die Trickkiste schauen, auch wenn es den Anschein hat. 
Meine Radsaison 2015 geht mit Paris - Brest - Paris zu Ende. Es war ein Jahr der Extreme. Ich wollte 2015 bewusst meine Grenzen testen. Ich war heuer doch einige Male sehr überrascht. Meine geglaubten körperlichen Grenzen konnte ich mehrmals bei weitem überschreiten. Jedoch mental konstant fokussiert zu bleiben, hat sich für mich bei weitem schwieriger herausgestellt als anfänglich vermutet. Nach einer Saison mit eigentlich nur Höhen, gehts nun erstmal in die wohl verdiente Pause von der Radsaison.  Meine Vorhaben und Pläne für 2016 stehen schon. Dazu mehr zu gegebener Zeit. 


 

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